Was bleibt, wenn wir nicht mehr leisten?

Schon früh machen wir die Erfahrung, dass Anerkennung nicht ganz unabhängig davon ist, wie wir uns verhalten oder was wir leisten. Im Kindergarten werden vielleicht die Kinder besonders gelobt, die ruhig, angepasst oder „brav“ sind. Spätestens in der Schule wird Leistung dann sichtbar und vergleichbar gemacht: Wir bekommen Noten, werden für gute Ergebnisse gelobt und erleben, dass diese Art von Erfolg Anerkennung mit sich bringen kann und der Misserfolg eben auch manchmal das Gegenteil. Auch im familiären Umfeld erfahren wir möglicherweise, dass bestimmte Verhaltensweisen besonders positiv aufgenommen werden – wenn wir etwas gut machen, Erwartungen erfüllen oder uns so verhalten, wie es als richtig erachtet wird.

Natürlich bedeutet all das nicht, dass wir nur dann geliebt oder wertgeschätzt werden. Und doch können solche Erfahrungen eine Botschaft  hinterlassen und Denkschemata prägen, die uns vielleicht weit länger begleiten, als uns bewusst ist: Wenn ich etwas gut mache, bekomme ich Anerkennung. Wenn ich Erwartungen erfülle, bin ich richtig.

Vielleicht ist es deshalb gar nicht so überraschend, dass wir auch als Erwachsene unseren Selbstwert – oder zumindest unser Selbstwertgefühl – immer wieder daran knüpfen, was wir leisten, erreichen oder für andere tun.

Aus psychologischer Sicht lohnt sich an dieser Stelle eine wichtige Unterscheidung: Unser Selbstwertgefühl kann durchaus davon beeinflusst werden, was wir tun und wie wir uns dabei erleben. Psychologische Forschung spricht etwa von einem bedingten Selbstwert, wenn das Gefühl des eigenen Wertes besonders stark davon abhängt, ob wir in bestimmten Lebensbereichen erfolgreich sind oder den eigenen Ansprüchen genügen. Auch das Erleben von Kompetenz und Selbstwirksamkeit – also die Erfahrung, etwas bewirken und Herausforderungen bewältigen zu können – kann für unser Wohlbefinden bedeutsam sein.

Doch darin liegt ein wichtiger Unterschied: Etwas zu tun, das uns kompetent, wirksam oder sinnvoll erleben lässt, ist nicht dasselbe wie erst durch dieses Tun wertvoll zu werden. Vielleicht verwechseln wir genau diese beiden Dinge manchmal miteinander.

Vielleicht können wir die Perspektive an dieser Stelle einmal wechseln und uns fragen, wie wir selbst den Menschen begegnen, die wir mögen oder lieben. Woran knüpfen wir unsere Zuneigung zu ihnen? Warum mag ich meinen besten Freund oder meine beste Freundin so sehr? Ist es tatsächlich, weil diese Person besonders viel leistet? Oder nicht vielmehr, weil sie einfach so ist, wie sie ist?

Besonders deutlich wird dieser Gedanke vielleicht, wenn wir an unsere Kinder denken: Lieben wir sie, weil sie etwas Besonderes leisten? Weil sie Erwartungen erfüllen, besonders angepasst, erfolgreich oder unkompliziert sind? Oder lieben wir sie nicht schon lange bevor sie überhaupt irgendetwas „leisten“ können – einfach, weil sie (da) sind?

Und wie ist es umgekehrt? Wann fühle ich mich selbst besonders angenommen und wertvoll? Wenn ich gerade erfolgreich bin, etwas geschafft habe oder den Erwartungen anderer entspreche? Oder vielleicht gerade in den Momenten, in denen ich schwach bin, nichts vorzuweisen habe und sich mir trotzdem jemand positiv zuwendet?

Manchmal merken wir erst dann, wie sehr unser eigenes Handeln mit der Anerkennung anderer verknüpft ist, wenn diese Anerkennung ausbleibt. Wir haben uns angestrengt, etwas übernommen, geholfen oder etwas besonders gut machen wollen – und niemand scheint es zu sehen. Plötzlich sind wir enttäuscht, vielleicht sogar verletzt oder wütend. Gerade diese Momente können aufschlussreich sein und uns zu der Frage hinführen: Hätte ich dasselbe auch getan, wenn ich vorher gewusst hätte, dass niemand es bemerkt oder anerkennt?

Vielleicht führt uns diese Frage noch ein Stück weiter: Tue ich etwas, weil ich selbst davon überzeugt bin, dass es gut, richtig oder sinnvoll ist? Oder brauche ich die Rückmeldung anderer, damit es sich für mich wertvoll und sinnstiftend anfühlt?

Vielleicht zeigt sich gerade darin eine tiefe menschliche Sehnsucht: geliebt und angenommen zu sein, ohne es sich erst verdienen zu müssen. Die Sehnsucht nach…

…einer Liebe, obwohl …

…einer Liebe, trotzdem …

…einer Liebe, jetzt erst recht …

Eine solche Liebe erscheint uns manchmal beinahe übermenschlich oder übernatürlich. Denn wenn wir ehrlich sind, gelingt es uns selbst wohl kaum, anderen vollkommen bedingungslos zu begegnen. Wir haben Erwartungen aneinander – manchmal ausgesprochen, manchmal unausgesprochen und manchmal kaum bewusst. Wir wünschen uns Nähe, Verlässlichkeit, Rücksicht oder Erwiderung. Und vielleicht gehört all das auch zum Menschsein und zu menschlichen Beziehungen.

Umso größer ist die Sehnsucht danach, von jemandem angenommen zu sein, ohne sich diese Annahme immer wieder verdienen zu müssen. Viele Christen beschreiben genau darin eine besondere Erfahrung in der Beziehung zu Gott: sich vollkommen angenommen und geliebt zu wissen, nicht aufgrund dessen, was sie leisten oder besitzen, sondern um ihrer selbst willen.

Wie ist es bei mir? Gibt es einen Menschen in meinem Leben, von dem ich mich angenommen und wertgeschätzt fühle, auch wenn ich gerade nichts leiste oder Erwartungen nicht erfülle? Oder pflege ich vielleicht auch Beziehungen, in denen ich immer wieder das Gefühl habe, etwas leisten oder geben zu müssen, um gesehen, anerkannt oder geliebt zu werden? Und wenn ja: Was hält mich in diesen Beziehungen?

Und wie begegne ich selbst anderen? Gelingt es mir, Menschen zu achten und zu lieben um ihrer selbst willen – auch dort, wo sie meinen Erwartungen nicht entsprechen? Oder ist dies eventuell ein Raum, in dem ich mich entwickeln darf?

Vielleicht entdecken wir bei diesen Fragen auch einen Widerspruch: Wir sehnen uns selbst nach einer Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist – und stellen gleichzeitig fest, wie schwer es uns fällt, anderen genauso zu begegnen. Unweigerlich erinnert mich dieser Gedanke an die Goldene Regel aus dem Matthäusevangelium: Wie möchte ich selbst behandelt werden – und gelingt es mir, anderen ebenso zu begegnen? (vgl. Mt 7, 12) Gerade dann, wenn ein Mensch unseren Erwartungen nicht entspricht, Fehler macht oder vielleicht sogar schuldig wird, kann diese Frage herausfordernd werden. Wie begegnen wir einem Menschen, wenn sein Verhalten gerade keinen Anlass zu Lob oder Anerkennung gibt?

Beim Nachdenken über diese Dinge ist mir das Gleichnis vom verlorenen Sohn (vgl. Lk 15, 11-32) – oder, wie es manchmal auch genannt wird, vom guten Vater – in den Sinn gekommen. Hier begegnen uns vielleicht beide Seiten: In dem Sohn, der stets beim Vater geblieben ist und ihm vorhält, ihm all die Jahre gedient zu haben, können wir den Teil in uns wiedererkennen, der meint, sich Liebe und Anerkennung durch das eigene Tun verdienen zu müssen. In dem verlorenen und schließlich wiederkehrenden Sohn können wir dagegen erahnen, wie wunderbar es ist, trotz unserer Schwächen und Fehler geliebt, ja geradezu mit Liebe überhäuft zu werden.

Der Sohn selbst glaubt, nicht mehr würdig zu sein, Sohn genannt zu werden – Liebe und Zuwendung nicht zu verdienen. Doch der Vater begegnet ihm ganz anders: Er gibt ihm Ring, Gewand und Schuhe und feiert seine Rückkehr. Das liebende Herz des Vaters lässt ihn damit etwas wiedererkennen und spüren, das er selbst schon verloren und verspielt glaubte: seine Würde.

Dieses Gleichnis führte mich zu einem weiteren Gedanken: Kann Liebe – vielleicht eine Art „Liebesvorschuss“ – dazu beitragen, dass wir selbst wiedererkennen und spüren, wie wertvoll wir sind, unabhängig davon, was wir gerade leisten können?

Was passiert mit meinem Gefühl für den eigenen Wert, wenn das wegfällt, worüber ich mich sonst definiere? Wenn ich gerade nichts leiste, niemanden beeindrucke und keine Anerkennung bekomme?

Und wie ist es umgekehrt? Vermittle ich den Menschen in meinem Leben, dass sie wertvoll für mich sind – auch dann, wenn sie gerade nichts leisten oder meinen Erwartungen nicht entsprechen?

Was bleibt also, wenn wir nicht mehr leisten?

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