Warum halten wir fest, obwohl wir längst loslassen wollen?

Immer wieder gibt es im Leben Momente oder Situationen, in denen wir merken, dass sich eine Unzufriedenheit in uns ausbreitet. Oftmals sind wir sehr gut darin, dieses Gefühl mehr oder weniger wegzudrücken oder abzutun, da es mit Anstrengung verbunden sein kann, genauer hinzuschauen und sich zu fragen, woran es denn tatsächlich liegt. Wenn wir es dann schaffen, herauszufinden, was genau uns stört oder was wir verändern möchten, fällt es uns oftmals schwer, dies auch umzusetzen. Woran liegt das?

Psychologisch ist dieses menschliche Verhalten gut erforscht. So beschreibt etwa der sogenannte Status-quo-Bias unsere Tendenz, eher am bestehenden Zustand festzuhalten, als uns für eine Veränderung zu entscheiden. Auch Gewohnheiten spielen dabei eine Rolle: Verhaltensweisen, die wir immer wieder in ähnlichen Situationen ausführen, können zunehmend automatisiert ablaufen und werden gewissermaßen zu unserem vertrauten Standard.

Hinzu kommt die Unsicherheit darüber, was uns nach einer Veränderung erwartet. Denn während uns das Gewohnte vertraut ist und wir ungefähr wissen, womit wir rechnen können, führt uns Veränderung zumindest ein Stück weit ins Unbekannte. Und gerade diese Ungewissheit kann unangenehm oder sogar beängstigend sein.

Vielleicht erklärt das zumindest einen Teil des scheinbaren Widerspruchs: Das Bekannte muss nicht gut sein, um sich sicherer oder besser anzufühlen als das Unbekannte.

Und so halten wir oftmals an Dingen fest, die wir schon längst loslassen wollten. Wir verharren manchmal in einem Job, der uns längst keinen Spaß mehr macht oder uns vielleicht sogar krank macht. Wir halten an Freundschaften fest, die uns nicht guttun. Wir pflegen Gewohnheiten, von denen wir wissen, dass sie schlecht für uns sind oder die wir aus bestimmten Gründen eigentlich ablegen möchten. Wir bleiben in Partnerschaften, die uns an den Rand der Verzweiflung treiben oder sich einfach lieblos anfühlen.

Wobei gerade in Partnerschaften nicht jede Reibung bedeuten muss, dass Loslassen die richtige Antwort ist. Manchmal können uns gerade die Punkte, an denen Konflikte entstehen, auch etwas über uns selbst offenbaren – über alte Verletzungen, Erfahrungen oder Muster und darüber, wo vielleicht eigenes Veränderungs- oder sogar Heilungspotenzial liegt.

Veränderung muss dann nicht zwangsläufig bedeuten, eine Beziehung zu verlassen. Sie kann auch darin bestehen, dass wir selbst beginnen, unser Verhalten in bestimmten Situationen bewusst zu verändern. Aus systemischer Perspektive stehen Menschen in Beziehungen in ständiger Wechselwirkung miteinander. Verändert einer sein Verhalten, verändert sich damit auch die bisherige Dynamik – und das Gegenüber trifft gewissermaßen auf eine andere „Resonanzfläche“. Vielleicht reagieren wir nicht mehr auf dieselbe Weise, setzen eine Grenze, wo wir vorher nachgegeben haben, sprechen etwas aus, wo wir vorher geschwiegen haben, oder begegnen einer Situation gelassener, die uns bisher unmittelbar aufgebracht hat.

Hierbei geht es nicht darum, das Gegenüber durch anderes Verhalten bewusst zu manipulieren. Wir können jedoch erleben, dass unser eigenes Verhalten einen Unterschied macht. Und vielleicht liegt genau darin auch eine besondere Erfahrung von Selbstwirksamkeit: zu erkennen, dass wir einer Beziehungsdynamik nicht ausschließlich ausgeliefert sind, sondern durch unser eigenes Handeln Einfluss darauf nehmen können, wie wir miteinander in Beziehung treten.

Vielleicht lohnt sich deshalb noch eine andere Frage: Was genau möchte ich eigentlich loslassen – einen Menschen, eine Situation oder vielleicht (m)eine bisherige Art, mit ihr umzugehen?

Warum halten wir also an Dingen fest, obwohl wir längst erkannt haben, dass wir etwas verändern möchten?

Scheinbar braucht es noch etwas mehr als Erkenntnis, als Analyse, um tatsächlich in Bewegung zu kommen. Was ist dieses Mehr?

Was wir beobachten können, ist, dass wir Veränderungen oftmals eher in Angriff nehmen, wenn wir besonders leiden, wütend sind oder durch äußere Umstände geradezu dazu gezwungen werden. Manchmal braucht es vielleicht erst einen bestimmten Leidensdruck, manchmal einen Konflikt, eine Kündigung oder eine andere Veränderung unserer Lebensumstände, bevor wir tatsächlich in Bewegung kommen.

Aber warum warten wir manchmal so lange? Wie groß muss unser Leidensdruck werden, bevor wir bereit sind, etwas zu verändern?

Und müssen wir wirklich erst leiden, bevor wir uns verändern?

Auch unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion könnte dabei eine Rolle spielen. Schließlich müssen wir zunächst wahrnehmen und verstehen können, was uns eigentlich unzufrieden macht und welchen eigenen Anteil wir möglicherweise daran haben. Doch Erkenntnis allein scheint nicht immer auszureichen. Wir können eine Situation sehr genau analysieren, unsere eigenen Muster erkennen und trotzdem an ihnen festhalten.

Kann uns Reflexion also in Bewegung bringen – oder kann auch das Nachdenken selbst irgendwann zu einer Form des Verharrens werden?

Vielleicht braucht es für Veränderung nicht nur die Erkenntnis darüber, dass etwas anders werden sollte, sondern auch die Überzeugung: Ich kann überhaupt etwas bewirken.

Was nützt mir die Erkenntnis, dass sich etwas verändern müsste, wenn ich gleichzeitig nicht daran glaube, dass ich etwas verändern kann?

Manchmal halten wir auch an alten Träumen fest, obwohl deren Erfüllung längst unwahrscheinlich oder vielleicht sogar unmöglich geworden ist. Sie loszulassen kann besonders schwerfallen. Denn manchmal verabschieden wir uns damit nicht nur von einem Wunsch, sondern auch von einer Vorstellung davon, wie unser Leben einmal aussehen sollte.

Kann auch das Festhalten an einem unerfüllbaren Traum dazu führen, dass wir übersehen, welche anderen Möglichkeiten längst vor uns liegen?

Vielleicht fällt es uns aber auch deshalb so schwer, etwas loszulassen, weil uns die Vorstellung davon fehlt, was danach kommen soll. Wir wissen vielleicht sehr genau, was wir nicht mehr wollen – aber noch lange nicht, was wir stattdessen wollen.

Vielleicht fehlt uns etwas Entscheidendes:

das Danach.

Das Wofür.

Das Wohin.

Brauchen wir, um wirklich loslassen zu können, vielleicht nicht nur einen Grund, etwas hinter uns zu lassen, sondern auch etwas, auf das wir uns zubewegen können?

Vielleicht ist Veränderung deshalb nicht nur eine Frage des Loslassens. Vielleicht braucht sie auch eine Richtung.

Doch woher wissen wir eigentlich, in welche Richtung wir uns verändern möchten? Vielleicht können unsere eigenen Werte dabei zu einer Art innerem Kompass werden. Wenn ich weiß, was mir wirklich wichtig ist, kann ich auch genauer hinschauen: Passt das, woran ich gerade festhalte, überhaupt noch zu dem Leben, das ich führen möchte?

Dabei lohnt sich vielleicht noch eine andere Frage: Sind die Werte, an denen ich mein Leben ausrichte, eigentlich wirklich meine eigenen?

Denn manchmal leben wir vielleicht ein Stück weit das Leben anderer. Wir orientieren uns an Vorstellungen und Werten, die uns beispielsweise unsere Eltern mitgegeben haben, ohne diese jemals wirklich für uns selbst überprüft zu haben. Vieles davon werden wir vielleicht auch selbst als wertvoll erleben und gerne weitertragen. Anderes passt möglicherweise längst nicht mehr zu uns oder zu dem Leben, das wir führen möchten.

Ähnlich kann es mit Glaubenssätzen sein, die wir früh verinnerlicht haben und die uns bis heute begleiten: darüber, wie wir sein sollten, was von uns erwartet wird oder was ein gutes und gelungenes Leben ausmacht. Selbst wenn wir sie heute bewusst ablehnen, kann es schwer sein, sie tatsächlich abzulegen. Schließlich haben manche dieser Überzeugungen uns über viele Jahre begleitet und geprägt.

Welche Werte habe ich bewusst für mich gewählt – und welche habe ich vielleicht einfach übernommen?

Gibt es Vorstellungen darüber, wie mein Leben sein sollte, die eigentlich gar nicht meine eigenen sind?

Und was dürfte ich vielleicht loslassen, um meinem eigenen Leben eine andere Richtung zu geben?

Loslassen betrifft dann nicht nur Jobs, Beziehungen, Gewohnheiten oder alte Träume. Wir können auch Vorstellungen von uns selbst loslassen – vielleicht sogar ein Bild davon, wer wir sein sollten. Veränderung bedeutet dann nicht zwangsläufig, jemand völlig anderes zu werden. Manchmal bedeutet sie vielleicht gerade, mehr danach zu leben, was wir selbst als wahr und wichtig erkannt haben. Vielleicht bedeutet Veränderung auch, mehr „ich selbst“ zu werden – weg von der Entfremdung und hin zu der Frage, was ich selbst eigentlich fühle, denke und möchte.

Wenn wir beginnen, unsere eigenen Werte bewusster wahrzunehmen, kann daraus vielleicht eine Richtung entstehen. Doch wohin soll diese Richtung letztlich führen? Vielleicht lautet die erste Antwort darauf: „Ich möchte glücklich sein. Ich möchte ein Leben führen, das sich gut und stimmig anfühlt.“

Doch ist ein gutes Leben zwangsläufig eines, das sich immer gut anfühlt?

Gerade Veränderungsprozesse zeigen uns vielleicht das Gegenteil. Loszulassen kann schmerzhaft sein. Es kann bedeuten, Abschied zu nehmen – von Menschen, Vorstellungen, Gewohnheiten, Sicherheiten oder auch von einem Bild, das wir lange von unserem eigenen Leben oder von uns selbst hatten. Und selbst eine Veränderung, von der wir überzeugt sind, dass sie richtig ist, kann zunächst Angst machen, verunsichern oder wehtun.

Ist also alles, was sich gut anfühlt, auch gut für uns? Und ist alles, was sich schmerzhaft und schwer anfühlt, deshalb schlecht?

Für mich persönlich ist dabei das Wahre, Schöne und Gute eine hilfreiche Richtschnur geworden. Nicht als einfache Antwort darauf, welche Entscheidung die richtige ist, sondern vielmehr als eine Richtung, an der ich mich orientieren kann.

Im Römerbrief findet sich ein Gedanke, der für mich an dieser Stelle besonders gut dazu passt. Paulus schreibt davon, sich durch die Erneuerung des Denkens verwandeln zu lassen, um „prüfen und erkennen“ zu können, was gut ist (vgl. Röm 12,2).

Vielleicht liegt gerade in diesem Prüfen und Erkennen etwas Entscheidendes. Veränderung muss nicht bedeuten, das Alte abzulegen, nur weil es alt ist, oder jedem neuen Impuls zu folgen, nur weil er Veränderung verspricht. Vielleicht geht es vielmehr darum, immer wieder neu zu prüfen: Was ist wahr? Was ist gut? Was ist für mich wirklich wertvoll – und entspricht das Leben, das ich führe, eigentlich dem, was ich als wertvoll erkannt habe?

Vielleicht ist Loslassen deshalb manchmal so schwer, weil es weit mehr bedeutet, als etwas hinter sich zu lassen. Wir verlassen Vertrautes, halten Unsicherheit aus und wissen vielleicht noch nicht genau, was danach kommt.

Aber möglicherweise müssen wir das Danach auch noch gar nicht in allen Einzelheiten kennen. Für den Anfang kann eine Richtung genügen.

Wie ist es bei mir? Gibt es etwas in meinem Leben, an dem ich festhalte, obwohl ich es schon längst loslassen wollte?

Was genau hält mich dort?

Und wenn ich bereit wäre, tatsächlich etwas zu verändern: Wofür würde ich es tun – und wohin möchte ich mich bewegen?

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Was bleibt, wenn wir nicht mehr leisten?