Was sind eigentlich unsere Werte – und leben wir danach?
Wir sprechen viel über Werte. Darüber, was uns wichtig ist, wofür wir stehen und wie Menschen miteinander umgehen sollten. Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Toleranz, Familie, Nächstenliebe, Freiheit – vermutlich könnte jeder von uns relativ schnell einige Werte benennen, die er für besonders wichtig hält.
Doch wie sehr entspricht unser eigenes Leben eigentlich den Werten, die wir nach außen vertreten?
Es ist leicht, auf andere zu schauen und Widersprüche zu entdecken. Wir sehen, wenn jemand etwas fordert und selbst anders handelt. Wir bemerken, wenn Anspruch und Wirklichkeit bei anderen nicht zusammenpassen. Und vielleicht ärgern wir uns sogar darüber.
Im Matthäusevangelium (Mt 7, 3-5) findet sich dazu ein ziemlich unbequemes Bild: Wir sehen den Splitter im Auge des anderen und bemerken den Balken im eigenen nicht.
Was passiert, wenn wir diesen Gedanken einmal auf unsere eigenen Werte übertragen?
Dann lautet die entscheidende Frage plötzlich nicht mehr:
Leben die anderen eigentlich nach den Werten, von denen sie sprechen?
Sondern:
Tue ich es?
Welche Werte halte ich für besonders wichtig? Welche davon äußere ich im Kontakt mit anderen? Und wenn ich ganz ehrlich auf mein eigenes Leben schaue: Wo werden diese Werte tatsächlich sichtbar?
Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Wie gestalte ich meine Beziehungen? Wie treffe ich Entscheidungen? Wofür verwende ich meine Zeit? Wie verhalte ich mich, wenn es schwierig oder unbequem wird?
Vielleicht zeigt sich ein Wert gerade dort besonders deutlich, wo es etwas kostet, nach ihm zu handeln.
Wenn mir Ehrlichkeit wichtig ist: Bin ich auch ehrlich, wenn die Wahrheit für mich unangenehm ist?
Wenn mir Familie wichtig ist: Welchen Platz nimmt sie tatsächlich in meinem Alltag ein?
Wenn ich Nächstenliebe für wichtig halte: Wie begegne ich Menschen, die mir nicht sympathisch sind oder deren Ansichten ich nicht teile?
Und vielleicht entdecken wir dabei auch Widersprüche. Zwischen dem Menschen, der wir gerne sein möchten, dem Menschen, für den wir uns halten – und der Art, wie wir tatsächlich handeln.
Psychologisch betrachtet treffen hier unterschiedliche Ebenen aufeinander: unser Idealbild, also die Vorstellung davon, wie wir gerne sein möchten, unser Selbstbild – wie wir uns selbst wahrnehmen – und schließlich unser konkretes Verhalten im Alltag. Diese drei müssen nicht zwangsläufig übereinstimmen.
Vielleicht halten wir uns beispielsweise für besonders ehrlich, loyal oder mitfühlend. Doch worauf gründet sich dieses Bild von uns selbst? Und würde sich der Wert, den wir uns zuschreiben, auch in unserem Verhalten wiederfinden?
Vielleicht lohnt es sich an dieser Stelle aber noch, eine andere Frage zu stellen:
Woher kommen eigentlich die Werte, an denen wir unser Leben ausrichten?
Sind es Werte, die wir selbst gewählt haben? Haben wir sie aus unserer Familie, unseren Beziehungen oder unserem gesellschaftlichen Umfeld übernommen? Haben Erfahrungen in unserem Leben sie geprägt? Und gibt es möglicherweise Werte, die nicht erst dadurch wertvoll werden, dass wir persönlich sie für wichtig erklären?
Aus christlicher Perspektive bekommt diese Frage noch einmal eine andere Dimension. Der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, was er leistet, wie er sich verhält oder welchen Nutzen er für andere hat. Er kommt ihm als Mensch zu. Wenn wir unser Gegenüber aus dieser Perspektive betrachten, betrifft die Frage nach unseren Werten deshalb nicht nur unser eigenes Leben. Sie betrifft immer auch die Art, wie wir anderen Menschen begegnen.
Vielleicht liegt darin auch eine tiefere Bedeutung des Bildes vom Splitter und vom Balken. Es lenkt unseren Blick nicht zuerst auf das, was der andere verändern müsste. Es führt ihn zurück zu uns selbst.
Nicht, damit wir uns verurteilen.
Sondern damit wir ehrlich hinschauen können.
Welche Werte möchte ich leben? Woher kommen sie? Und wo werden sie in meinem Alltag tatsächlich sichtbar?
Vielleicht müssen wir dabei auch Widersprüche aushalten. Zwischen unserem Anspruch und unserer Wirklichkeit. Zwischen unserem Selbstbild und unserem Verhalten. Sie wahrzunehmen muss zunächst kein Urteil über uns selbst sein.
Vielleicht ist es vielmehr eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Und vielleicht bleibt am Ende eine ganz einfache Frage:
Wenn jemand nur mein Handeln betrachten würde, ohne zu wissen, was ich über meine Werte sage – welche Werte würde dieser Mensch darin erkennen?